Haiti bitter-süss

Ein Reisebericht zum Projektbesuch bei
YWCA Haiti

Von Haiti liest man - wenn überhaupt - nur negative Schlagzeilen: Erbeben mit 200‘000 Todesopfern, Hurrikan-Katastrophen, ärmstes Land der westlichen Hemisphäre, Oxfam-Skandal, Korruption, gewaltgeprägte Strassenschlachten. Ist das Haiti? Was erwartet mich in diesem geplagten Land?


Erst vor kurzem, im Februar 2019, haben Oppositionsparteien und andere Gruppen zu Protesten aufgerufen, als sich der Amtsantritt des jetzigen Staatschefs Jovenel Moïse zum zweiten Mal jährte. Die Demonstranten fordern Moïses Rücktritt, die Aufklärung von Korruption und Massnahmen gegen Inflation, Armut und wirtschaftliche Stagnation. Die Proteste führten zu tödlichen Zusammenstössen und das öffentliche Leben in der Hauptstadt Port-au-Prince kam zu Stillstand. 

In Mitten dieser Schlagzeilen stehen die Menschen von Haiti, die geprägt von der ursprünglich so friedvollen karibischen Kultur, durch die unsäglich bittere Armut und der alltäglichen Gewalt auf den Strassen versuchen ein Leben zu führen. Besonders verletzlich darunter sind die Mädchen und jungen Frauen. Sie zählen nichts in der Gesellschaft, sind fast alle Opfer von Gewalt, haben keine Rechte und keine eigene Stimme.

Meine Reise führt nach Pétion Ville, einem Stadtteil der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. Dort finden jährlich ungefähr 400 Mädchen aus den umliegenden Slums im Zentrum von YWCA Haiti eine Oase und einen sicheren Ort, den sie nach der Schule besuchen können. Mit beindruckendem Engagement stehen die 4 Mitarbeiterinnen den Mädchen mit professioneller psychologischer Betreuung seit 10 Jahren zur Seite und unterstützen sie dabei, sich zu selbstbewussten jungen Frauen zu entwickeln.

Die Mädchen kommen in der Regel direkt nach der Schule in das YWCA Zentrum, bekommen eine warme Mahlzeit und beschäftigen sich zuerst mit den Hausaufgaben und dem Schulstoff. Dabei stehen ihnen 9 ausgebildete Mentorinnen und Lehrerinnen zur Seite. Nach den Hausaufgaben nehmen die Mädchen an Workshops zu verschiedenen Themen wie Gesundheit, Selbstachtung oder Recht teil. Jeden Monat besprechen die Mentorinnen mit den Mädchen, was sie gerade beschäftigt und dann wird das Gesprächsthema für den nächsten Monat festgelegt. Als ich zu Besuch war, war das Monats-Thema: „Meine Hautfarbe ist schön“. Ein Thema, das viele Mädchen und junge Frauen in Haiti beschäftigt, da ihnen unrealistische Schönheitsideale etwas anderes vorgeben.

Trotz der aktuell prekären Lage erlebe ich die Mädchen im Zentrum entspannt und merke, dass sie sich hier sicher fühlen. Die Stimmung ist sehr positiv und ich spüre das karibische Lebensgefühl. Die Mädchen spielen, lachen, lernen und essen genüsslich die süssen Mangos vom Baum im Hof. Sie bekommen hier eine Pause von der politischen Krise mit der alltäglichen Gewalt, haben aber auch die Gelegenheit sich mit schwierigen Themen auseinander zu setzen. Die jungen Frauen, mit denen ich ins Gespräch komme, erzählen mir von ihrem Leben und wie es sich verändert hat, seit sie bei YWCA Haiti sind. Cristel zum Beispiel, sie ist 21 Jahre alt und Teilnehmerin der Leadership Academy, in der die jungen Frauen an Workshops zu Leadership, Selbstachtung, Finanzplanung, Gewalt, Sexualität, Gesundheit, Rechte oder Umwelt teilnehmen. Zudem lernen sie, wie man Bewerbungen und CVs schreibt und sich in Bewerbungsgesprächen präsentiert. Cristel erzählt mir, dass sie seit 8 Jahren ins Zentrum kommt. Davor hatte sie das Gefühl, überhaupt nicht zu existieren. Erst bei YWCA Haiti hat sie gelernt, dass auch sie Rechte und eine Stimme hat. Sie ist heute viel selbstbewusster, kann für sich einstehen und hat ein grosses Ziel. Sie möchte Informatikerin werden und lernt zurzeit gerade für das letzte Jahr der High School.

Die Zentrumsleiterin Sandrine Kenol Wiener berichtet: „Die Krisen in Haiti sind nicht neu. Neu ist aber, dass dadurch, wie im Februar 2019, das öffentliche Leben zum Stillstand kommt und wir das Zentrum für 2 Wochen schliessen mussten. Eine Entwicklung, die uns grosse Sorgen um die Mädchen und jungen Frauen bereitet. Wir haben gelernt, trotz Krisen weiterzumachen und den Mädchen zu zeigen, dass sie selbst der Schlüssel zur positiven Veränderung sind. „Ce ave’m chanjman an komanse -  Die Veränderung beginnt mit mir“. Bei YWCA Haiti ist das nicht nur ein Motto, sondern der gelebte Alltag.