Bangladesch

"Willkommen im alltäglichen Wahnsinn"

Bangladesch – Willkommen im alltäglichen Wahnsinn

Als neue Programmverantwortliche Bangladesch steht mir mein erster Programmbesuch bevor und ich bade im Wechsel zwischen Vorfreude und Respekt. Ich bin zwar viel gereist, aber Bangladesch ist Neuland für mich. Die Reisevorbereitungen sind europäisch genau getroffen, die Koffer sorgfältig gepackt und zur Sicherheit habe ich noch ein paar Reisetipps eingeholt: „Mach dich auf das absolute Chaos und unglaublich viele Menschen gefasst“, hat man mir ans Herz gelegt. Nur, wie bereitet man sich darauf vor? Als geübte Pendlerin versuche ich es mit etwas Training in überfüllten SBB Zügen, stehe extra im Gang vor einer stinkenden Toilette (gar nicht so einfach zu finden) und mische mich in alle grossen Menschenmassen. Ich gehe mehrmals über den berüchtigten Basler Bahnhofsplatz wo Trams, Busse, Velos und Autos aus allen Richtungen schiessen. So wird sich das dann wohl anfühlen in Bangladesch, sage ich mir.

Bereits auf der Fahrt vom Flughafen in Bangladeschs Hauptstadt wird mir klar: Ich hatte keine Ahnung worauf ich mich einlasse. Das absolute Chaos ist zur Realität geworden und ich bin mitten drin. Diese Stadt hat 8.5 Mio. Einwohner, zählt man die Agglomeration dazu leben hier 19.5 Mio. Menschen und es fühlt sich an, als ob alle im genau gleichen Stau stecken wie ich. Der Lärm, das Gehupe und die lebensmüden Überholmanöver (wenn es dann mal vorwärts geht) sind der Horror. Das kann unmöglich zum Alltag werden in den zehn Tagen, die ich hier bin. Im nationalen Büro des YWCA Bangladesch bekomme ich die erste Verschnaufpause und werde sehr herzlich empfangen und rührend umsorgt. Ich merke bald, dass die Menschen in Bangladesch sehr gastfreundlich und hilfsbereit sind und auch wie wichtig diese Gastfreundschaft ist. Ohne diese würde ich wohl jetzt noch am Strassenrand stehen beim Versuch auf die andere Seite zu kommen.

Da das Horyzon Gesundheits- und Quartierentwicklungsprogramm an verschiedenen Standorten in lokalen Niederlassungen des YWCA stattfindet, geht die Reise nach ein paar Tagen und Meetings in Dhaka weiter in den Südwesten des Landes. Wir reisen im Auto und diesmal nehmen wir den Highway. Die lieben Bengalinnen warnen mich lächelnd: „Am Anfang fühlst du dich wie auf der Achterbahn und dann gewöhnst du dich daran“. Ich bleibe skeptisch und nach vier Stunden Autofahrt und Bangen um mein Leben passiert es: ich gewöhne mich tatsächlich langsam daran. Habe ich eine andere Wahl?

In Comilla und Chandpur werde ich von den lokalen YWCA Mitarbeiterinnen in ihren farbenfrohen, wunderschönen Saris empfangen und wieder herzlich umsorgt. Die beiden Orte sind sehr viel kleiner als Dhaka aber Verkehrschaos und Lärm sind auch hier omnipräsent. Nach dem offiziellen Empfang mit vielen Blumen und blumigen Worten, werde ich in den nächsten Kleinbus gepackt und in die Slums gefahren. Endlich lerne ich die Begünstigten des Programms kennen.

Am Strassenrand werden wir aus dem Auto ausgeladen und links und rechts packt mich eine Mitarbeiterin am Arm und führt mich über die Strasse, alleine hätte ich es nicht geschafft. Im Slum begegnen mir zahlreiche, neugierig-fragende Blicke: „Was um Himmels Willen hat Dich hier her verschlagen?“ Diese Blicke kenne ich bereits, ich bin weit und breit die einzige Ausländerin. Auf dem Weg sehe ich an den Beinen zusammengebundene Hühner, Hunde und Katzen und extrem viel Abfall. Die Menschen waschen sich und ihre Kleider im Teich, neben an Berge von Plastik und Ziegen, die den Plastik-Abfall fressen. Dazu kommt allgegenwärtiger Gestank nach Abwasser und Verwesung. Mir wird kurz schlecht und im nächsten Moment sitze ich vor einer Gruppe strahlender Jugendlichen in ihren farbenfrohen Kleidern, die mich erwartungsvoll anschauen.

Die Jugendlichen machen sich für Themen wie Gesundheit, Gleichberechtigung, Frauenrechte und sexuelle Rechte oder gegen die Heirat im Kindesalter stark. Die jungen Frauen geben ihr Wissen im eigenen Quartier weiter und erzählen mir, dass sie sogar schon Fälle von Kinderheirat oder Gewalt verhindern konnten und nun immer öfter um Rat gefragt werden. An gewissen Orten stehen die Jugendlichen direkt in Kontakt mit den Gemeindevorstehern und machen Vorschläge, wie beispielsweise die Umwelt-Situation in ihrem Quartieren verbessert werden kann. Sie weisen auf die sehr prekären Umstände der Trinkwasserversorgung und der Abfallproblematik hin oder verlangen, dass die Abwasserkanäle gereinigt werden. Ich bin beeindruckt von der Energie und dem Mut der jungen Frauen. Sie möchten etwas bewegen und sind so stolz darauf, was sie im Quartier verändern können.

Nach den Jugendgruppen lerne ich auch die Teilnehmerinnen der zahlreichen YWCA Spargruppen kennen. Sie erzählen mir eindrücklich, wie sich ihre Position der Familie seither verbessert hat. Die Frauen können sich mit einem Darlehen zum Beispiel eine eigene Nähmaschine kaufen, selbst Kleider nähen, diese verkaufen und so ihr Haushaltseinkommen verbessern. Sie erzählen mir, dass sie dadurch viel mehr Respekt von Ihren Ehemännern bekommen und nun auch eine Stimme haben wenn es um Familienentscheide geht.

Nach einem Zwischenstopp in Dhaka geht die Reise weiter nach Barishal im Süden des Landes. Mir steht eine sechsstündige Bootsreise bevor und ich habe ein mulmiges Gefühl, war da nicht mal ein Bericht darüber, dass hier ab und zu ein Schiff untergeht? Ich denke mir: schlimmer als auf der Autobahn kann es auf dem Schiff nicht sein und tatsächlich, die Fahrt ist wunderbar angenehm. Kein Gehupe, kein Lärm, nur ganz viele farbig gekleidete Bengalis, mit ihrem wunderlich fragenden Blick. Das Schiff wird unerwartet zu meinem Lieblingsverkehrsmittel in Bangladesch.

In Barishal sehe ich endlich, dass Bangladesch das Land der Flüsse ist und es auch hier grüne Oasen gibt. Diesmal fahren wir mit den rasanten Elektro-Rikschas in die Slums und wieder darf ich zahlreiche Programmteilnehmerinnen besuchen und erfahre, was sie bewegt und wie das Programm ihr Leben verändert.

Mit jeder Lebensgeschichte vergesse ich das Chaos und die widrigen Umstände darum herum und werde Teil des ganz normalen Wahnsinns in Bangladesch. Was bleibt, ist die Herzlichkeit der Menschen und ihre Freude darüber, dass das Programm ihr Leben verbessert hat und jemand in ihr Land gekommen ist, um anderen davon zu berichten.

Zurück am Basler Bahnhofsplatz mit dem Koffer voller Erinnerungen, bin ich plötzlich dankbar für den geregelten Verkehr, die Ruhe und die wenigen Menschen. Aber die neugierige, farbenfrohe Lebendigkeit der Bengalis fehlt mir bereits wieder.

Zum Horyzon Programm in Bangladesch:

Im Gesundheits- und Quartierentwicklungsprogramm unterstützt Horyzon in Zusammenarbeit mit YWCA Bangaladesch junge Frauen und Mädchen aus Armenquartieren dabei ihre soziale und wirtschaftliche Lage zu verbessern. Die Wissensvermittlung in Gesundheitsfragen, Frauenrechten, Bildung, Einkommensbeschaffung und Umweltschutz stärkt ihr Selbstwert und befähigt sie ihre Zukunft aktiv mitzugestalten.

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